Führungsleitbilder & Ordnungssysteme

Themen

  • culture identity
  • culture and authority
  • culture and leadership
  • business cultures
  • culture and impact of rules & regulations
  • culture and simple systems
  • culture and complex systems
  • a hypothetical situation
  • mindful communication

    @culture identity

    Wie wir was tun und welche Rollenverständnis wir in der Gemeinschaft haben, bestimmt unsere kulturelle Identität. In einer perfekten Welt gehen wir keine Kompromisse ein, und wir schaffen ein Gleichgewicht zwischen dem Mass an Individualität und unseren Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft. Aber in welcher Familie oder in welcher Organisation herrscht schon der Idealzustand? In der Realität stehen wir täglich im Spannungsverhältnis unserer individuellen Bedürfnisse und den Aufgaben in der Gemeinschaft. ´Ich habe Rechte`,´ich kümmere mich um mich selbst`, ´ich mache das auf meine Weise´, ´ich trage Verantwortung` sind deutliche Ausdrucksformen für unsere Individualität. Menschen mit ausgeprägter Individualität sind von der Einzigartigkeit und Gleichheit aller Individuen überzeugt, und scheuen nicht Konflikt mit anderen. Kritik wird offen und direkt formuliert, allerdings häufig mit dem Nachsatz,´nimmt es nicht persönlich, es geht hier nur um die Sache`. Eine implizierte Individualität liegt vor , wenn wir unseren Gemeinsinn betonen, ´wir haben Verpflichtungen´,´wir kümmern uns umeinander`,´wir tragen die Verantwortung gemeinsam`. Je mehr wir uns als Teil einer Gemeinschaft verstehen, desto mehr vermeiden wir Konflikte und akzeptieren gleichzeitig Hierarchiesysteme. Status Unterschiede sind wichtige Bestandteile eines funktionierenden Zusammenseins.

    #michael

    @culture identity

    Das Spannungsfeld unserer kulturellen Identität ist immer dann besonders gross, wenn ritualisierte und angepasste Verhaltensformen prägnant sind. Konservative, statusorientierte Gesellschaften mit klaren Verhaltensregeln verleiten ihre Mitglieder auszubrechen, wenn sie ihre Individualität im gesellschaftlichen Kontext unterdrücken müssen.
    Im Alltag junger Rechtsanwalt in einer britischen Anwaltskanzlei und am Wochenende fanatischer Fan des FC Liverpool passt auf den ersten Blick nicht zusammen (Anm.: Bitte nur als Beispiel verstehen, soll keinesfalls als Stereotyp verstanden werden).Versteht man aber den kulturellen Kontext, der die persönliche Identität prägt, wird die Motivation dieser Polarität besser deutlich. In Gesellschaften, wie z.B. den USA oder Grossbritannien, mit ausgeprägter Individualität und gleichzeitig hohem Mass an Konventionen neigen die Mitglieder häufiger mit ihrem Verhalten beide Pole auszuleben. Internationale Studien zeigen, dass asiatische Kulturen tendenziell ihre Individualität dem Rollenverständnis in der Gemeinschaften unterordnen. Japan beispielsweise weist einen Individualitätsindex (100: höchster Wert, 0: niedrigster Wert)  von 25 auf, gegenüber einer Rollenorientierung von 100. Die japanische Gesellschaft ist eine Wertegemeinschaft, die Verantwortung in ihrer jeweiligen Position teilt. Europäische Kulturen, und hier besonders nordeuropäische Kulturen, basieren eher auf der Individualität der einzelnen Bürger ( I: 75-100) während ihre gesellschaftliche Rollenorientierung (R: 25-50) geringer ausgeprägt ist. Die individuell geprägte Lebensführung ist hier ein Gesellschaftskonzept. Schweden beispielsweise (I:75; R:0) akzeptieren eines der höchsten leistungsorientierten Besteuerungssysteme, weil viele soziale Verantwortungen (z.B. Altenpflege) und damit die finanziellen Lasten auf den Staat übertragen werden, während das in südeuropäischen Ländern Aufgabe der Familie ist. Dieser Vergleich beinhaltet keine Wertung, sondern ist lediglich das Spiegelbild unterschiedlicher kulturell geprägter Gesellschaftskonzept. „One size doesn`t fit all“

    #michael

    @culture and authority

    Unsere persönliche Identität wird aber auch massgeblich durch die Art und Weise bestimmt, wie wir `Denken und Handeln´, `Planen und Umsetzen´ und `Theorie und Praxis´ miteinander verbinden. Wir sind nicht bedingungslos frei, uns selbst durch alle denkbaren Verhaltensweisen zu verwirklichen. Wir werden begrenzt durch Regeln und Gesetze und besonders durch das zugrundeliegende Autoritätsmodell. Der thailändische König Bhuminol Adulyadej geniesst in seinem Volk eine uneingeschränkte, natürliche Autorität. Seine Autorität wird nicht in frage gestellt oder herausgefordert. Sie stützt sich auf ihn selbst, als Person. Es ist eine ihm persönlich, von Geburt an, ´zugeordnete`Autorität. „Sage mir wer du bist und ich erkenne deine Stellung.“ Das Fundament dieses Autoritätsmodells ist von Kultur zu Kultur unterschiedlich. In den meisten Kulturen spielt, wie am Beispiel Thailand, die hierarchische Struktur eine entscheidende Rolle. Aber auch Geschlecht, Name und Familienzugehörigkeit, Alter oder Ausbildungsort (Universität) bestimmen das natürliche Ansehen in einer Gesellschaft. Es ist schwer vorstellbar in Frankreich in führende Positionen in Wirtschaft oder Politik aufzusteigen ohne an einer der wenigen Eliteuniversitäten studiert zu haben. Männer haben im arabischen Raum eine dominante Stellung aufgrund ihres Geschlechts. Oder aber noch heute öffnet die Familienzugehörigkeit für die Allgemeinheit verschlossene Türen in südamerikanischen Gesellschaften. Eines haben alle diese Kulturen mit zugeordneter Autorität gemeinsam; die Erwartung und das Wertegerüst der Menschen in diesem Gesellschaftsmodell ist STABILITÄT, SICHERHEIT und SCHUTZ. Der arabische Frühling war keine demokratisch-werteorientierte Bewegung, wie wir in der westlichen Welt zu glauben hofften, sondern die über Jahrzehnte lange Aushöhlung der Lebensgrundlage und damit von Stabilität und Sicherheit. Die Gier der Führer nach immer mehr Selbstbereicherung auf Kosten der Bevölkerung war der wesentliche Auslöser. Wir neigen dazu unsere eigene kulturelle Perspektive als Massstab zur Einschätzung und Beurteilung zugrunde zu legen. Das führt unweigerlich zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen.
    #michael

    Anmerkung: Zwei Studenten sind in Thailand nach der Aufführung eines eigenen Theaterstücks über einen fiktiven König wegen Majestätsbeleidigung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Die Angeklagten hätten der Monarchie einen schweren Schaden zugefügt, erklärte der Richter. Majestätsbeleidigung kann in Thailand mit einer Haftstrafe bis zu 15 Jahren belegt werden. (spiegel online, 23. Februar 2015)
    Merke: „Bist Du in einem Land in dem das Bild des Präsidenten in jedem Amtszimmer hängt, vertraue nicht auf die Verlässlichkeit des Gesetzes sondern eher auf die Allmacht der Staatsgewalt.“

    @culture and authority

    Steve Jobs, der charismatische Gründer von Apple, wurde 1985 vom Aufsichtsrat gefeuert. 1997 kehrte er in den Apple Vorstand zurück und startet mit dem iMac Konzept den bis heute anhaltenden Siegeszug von Apple. Anglo-sächsischen Kulturen verfolgen das Führungsprinzip der ´erworbenen Autorität`, ein diametral unterschiedliches Autoritätsmodell zu dem Konzept der zugeordneten Autorität. Hier sind nur Führungskriterien wie Leistung und Kompetenz entscheidend. Führungspersönlichkeiten werden am aktuellen Erfolg und ihrer Vision für zukünftige Strategien gemessen. Vergangene Beiträge und Erfolge spielen eine untergeordnete Bedeutung. Der Bonus hierfür ist sehr kurzlebig. Was wir tun ist entscheidend, nicht wer wir sind. Und was wir tun, muss für andere sichtbar sein. Macht, Ruhm, Reichtum sind die wichtigsten Leistungsmotivatoren. Das impliziert, dass Führungspersönlichkeiten ihre Autorität verlieren können, wenn das gewünschte Ergebnis (Ziel) nicht eintritt. Gesellschaften mit diesem ´technischen`Autoritätsmodell formen Menschen, die sich der RISIKEN aber auch ihrer CHANCEN bewusst sind. WANDEL ist ein ständiger Begleiter für fast alle Lebenssituationen. Die USA sind der Prototype einer Gesellschaft mit ´achieved authority`. Ohne die Einstellung, Veränderungen als Chance und Risiko und als teil des Lebens zu betrachten, ist ein Überleben in Amerika nur schwer vorstellbar. Auf Europäer und Asiaten wirkt der amerikanische ´way of life` häufig aufgesetzt und oberflächlich, aber für Amerikaner selbst ist das Lebenskonzept `think positiv`überlebenswichtig, um sich den permanenten Veränderungen aktiv zu stellen. Stillstand ist Rückschritt. Veränderung ist Dynamik.
    #michael
    Anmerkung: Konfuzius hat 500 v.C. als Erster erfasst:
    „Macht ist kein Geburtsrecht, sondern beruht auf Befähigung und Beliebtheit“

    @culture and leadership

    Die Nachhaltigkeit und der Erfolg komplexer Organisationsstrukturen hängt im wesentlichen von der Führungskultur ab. Es sind die Kernfragen: Was motiviert Menschen sich führen zu lassen? Und konsequenterweise, welcher Führungsstil motiviert Menschen ihr Potential auszuschöpfen?. In meiner langjährigen Managementerfahrung habe ich fünf leadership principles gefunden, die Mitarbeiter veranlassen sich ihr Leistungspotential abzurufen. Menschen ´folgen´ ihren Führern, weil sie müssen (Position-leadership), weil sie selbst wollen (Relation-leadership), weil sie Erfolg haben (Result-leadership), weil sie der Managementstil motiviert (Professionalism-leadership) ,oder weil sie gefördert werden und sich selbst weiterentwickeln können. (Development & Competence – leadership). Der Führungsstil richtet sich stark nach der vorherrschenden gesellschaftlichen Kultur. Positions- oder beziehungsorientierte Führungskonzepte finden wir überwiegend in Kulturen mit ´zugeordneter Autorität`. Russische Partner motiviert der Schutz und die Stabilität, die sie von Führung erwarten, wobei der intellektuelle Prozess eine Aufgabe zu bewältigen wichtiger sein kann als das Resultat selbst. In Ländern wie Deutschland oder den Niederlanden schöpfen Menschen ihre Motivation aus individuellen Zielen, der Professionalität des Teams und den messbaren Resultaten ihrer Arbeit. Folglich sind die Leistungsanreize unterschiedlich. Zusätzliche freie Tage oder Bonusgehälter werden holländische Mitarbeiter bevorzugen. Wohingegen statusorientierte Kulturen emotionale und sachbezogene Belohnungssysteme, wie der personalisierte Parkplatz vor dem Gebäude, oder die Medaille an der Bürowand, einen höheren Stellenwert einräumen. Erfolgreiche Organisationen passen ihre Führungsprinzipien den jeweiligen Kulturen an.

    #michael

    @business culture

    Ebenso wie wir nationale Kulturen unterscheiden können, ob sie eher zu ´zugeordneter oder erworbener` Autorität tendieren, ist es möglich Industrien oder Berufszweige in ähnlicher Form zu untersuchen. Die Software Industrie im Silicon Valley dürfte auf unserer Skala 0-100 (A=100: erworbene ; A=0: zugeordnete) am oberen Ende liegen (A=100). Kreativität gepaart mit trail & error, Schnelllebigkeit, Anpassungsdruck mit dauerhafter Bereitschaft zum Wandel, Erfolgsdruck, immer in Bewegung, Leistungsbereitschaft ohne Zeitgrenzen, um nur einige Kriterien zu nennen, sind deutliche Indikatoren für die Ausprägung erworbener Autorität. Es verwundert nicht, dass die marktbeherrschende Stellung von Microsoft, Apple, Google, Amazon, Ebay, Paypal, Facebook, Twitter, Yahoo und anderen nur in einem kulturellen Kontext entstehen kann, die der Orientierung ´achieved authority` als Wertekonzept folgt.
    Die IT-Industrie kann sich in keinem anderen Land stärker entwickeln als in den USA. Jeder Versuch ein vergleichbares IT- Wirtschaftsmodell in Saudi Arabien, Frankreich, Russland, China oder Brasilien zu fördern, wird auch unter der Prämisse uneingeschränkter Ressourcen, von Beginn an zum Scheitern verurteilt sein, weil der kulturelle Kontext in diesen, nur als Beispiel gewählten Ländern, völlig unterschiedlich ist.
    Das deutlichste Beispiel für eine ´zugeordnete Autorität` war die Armee eines jeden Landes (A=0). Befehl und Gehorsam sind wesentlich Bestandteil einer Armeestruktur, aufbauend auf einem internen Hierarchiesystem. Durch die Technologisierung der Waffensysteme finde hier allerdings gerade ein deutlicher Strukturwandel statt.
    Schauen wir grundsätzlich welche Industrie in welchem Land stark ist, so können wir Korrelationen zwischen den jeweiligen nationalen Kulturen und industriellen Kompetenzfelder feststellen. Dazu mehr in einem späteren Blog.
    #michael

    @culture and impact of rules & regulations

    Unsere individuelle Freiheit, zu tun und lassen was wir für richtig erachten, wird durch das Autoritätsmodell der jeweiligen Kultur in der wir leben eingeschränkt und durch ein Ordnungssystem aus Regeln beeinflusst. Jede Gemeinschaft braucht Gesetze und einen „Gesellschaftsvertrag“, der die Rechte und Pflichten seiner Mitglieder regelt. Das Ordnungssystem beinhaltet zudem die Prozesse wie wir den Gesellschafts/Gemeinschaftsvertrag umsetzen. Das trifft für Landesgesetzgebungen ebenso zu wie für den Business Conduct oder die Policy in Unternehmen. Dabei unterscheiden sich die Systeme aufgrund ihrer Komplexität grundlegend. Ein Beispiel aus dem Alltag: Universell und ausnahmslos* gilt in allen Ländern der europäischen Gemeinschaft das „Stopgebot“ an roten Ampeln für alle Verkehrsteilnehmer. Bei Studien in England und Spanien wurden Autofahrer befragt, ob sie immer und überall an roten Ampel halten. Das Ergebnis wies eine deutliche Abweichung auf. Während 85% aller befragten englischen Autofahrer immer, sprich zu jeder Tages und Nachtzeit an roten Ampeln halten, waren es in Spanien nur 35%. Offensichtlich beziehen spanische Autofahrer Umfeldinformationen in ihre Entscheidungsfindung mit ein. Sie reagieren in erster Linie situativ, kontextbezogen und weniger inhaltsbezogen. Englische Autofahrer hingegen haben bereits ihr Lernverhalten ausschliesslich auf Inhalte ausrichtet, folgerichtig werden sie bekannte Entscheidungsmuster nach Inhalten automatisieren. Woher kommen die Unterschiede, und was bedeuten sie für unsere Entscheidungsfindung in Politik oder Business?
    #michael
    *doch eine Ausnahme gilt: die grüne Pfeilregelung beim Rechtsabiegen in Deutschland

    @culture and simple systems

    Die Art und Weise wie wir mit Regeln umgehen, lassen sich in einfache oder komplexe Systeme einteilen. Kontextschwache Kulturen bevorzugen einfache, inhaltsorientierte Systeme, die universelle Gültigkeit haben und keine Ausnahmen zulassen. “If there is a law no need to think“ ist eine klassische amerikanisches Redensart. Klare Hinweise und Regel machen das Leben für Amerikaner einfacher. Ich erinnere mich an den Mc Donalds Fall in den USA. Eine Autofahrerin verklagte erfolgreich Mc Donalds auf $500.000 Schadensersatz, weil kein Warnhinweis auf dem Kaffeebecher daraufhinwies, dass Kaffeetrinken während der Autofahrt gefährlich ist, besonders dann, wenn der heiße Kaffeebecher zwischen den Oberschenkeln abgestellt wird. Ich höre von meinen Freunden häufig das Argument, wir wollen keine ´amerikanischen Verhältnisse`. Das Argument mag aus deutscher oder französischer Sicht verständlich sein. Die amerikanische Gesetzgebung hat klare,´einfache` Regeln und behandelt alle gleich vor dem Gesetz. (ob Strauss-Kahn oder Mrs.Smith). Ich wage zu behaupten, dass die Alkoholfahrt von Margret Kaesmann, mit 1,5 Promille, in den USA wahrscheinlich mit einer empfindlich höheren Strafe (Gefängnis) geahndet worden wäre, unabhängig von Person oder Status. Das einfache, inhaltsorientierte Ordnungssystem in den USA lässt keine Ausnahmen zu, führt aber dazu, dass etwa 1% der Bevölkerung straffällig in Gefängnissen einsitzt. Das ist aber kein Indiz für eine Gesellschaft, die krimineller als andere ist, nur konsequenter in der Umsetzung von Recht und Gesetz.
    #michael

    @culture and complex systems

    Dem gegenüber lassen kontextstarke Kulturen Ausnahmen zu. Die Gültigkeit von Regeln ist hier abhängig von der jeweiligen Situation. Diese flexible Einstellung zur gesellschaftlichen Ordnung und ihren Regeln hat immer die jeweilige Situation im Blick.“Ist das verboten? Ja, aber wenn man unbedingt will, darf man“ ist eine Alltagsweisheit im russischen Volksmund. Situationsorientierten Systeme sind zuweilen sehr komplex, weil alle Ausnahmen dokumentiert und überprüft werden müssen. In welchem System wir aufwachsen und verhaftet sind, bestimmt daher wesentlich unser Denkmuster. Das Ergebnis ist gleich, aber der Weg zum Ziel ist sehr unterschiedlich. Die Art wie wir denken beeinflusst unser Lernverhalten, unsere Entscheidungsfindung und unsere Einstellung und Wahrnehmung von „Zeit“. In einem Cafe wartete ich ungeduldig und wütend über zwei Stunden auf meinen brasilianischen Kollegen, der mir lächelnd erklärte, er hätte noch einen alten Schulfreund auf der Strasse getroffen. Ist das jetzt Respektlosigkeit oder Loyalität einem alten Freund gegenüber? Zeit ist in kontextstarken Kulturen (=komplexes, situationsorientiertes System) ein Investment und nicht unbedingt eine Bedingung. Das Leben ist komplex und passt in kein System. Jede Situation erfordert ihre eigene Lösung.
    Untrüglich erster Indikatoren für die Komplexität eines Systems ist die Sprache. Der Ausdruck und die Tiefe der Sprache verrät viel über den kulturellen Kontext. Umschreibende Sprachen wie slawische oder romanische spiegeln die Komplexität ihrer Kultursysteme und deren Kommunikation wieder. Während die Kommunikation im englischen Sprachraum schnell, direkt und inhaltlich auf den Punkt kommt. Ebenso verrät die ´Cuisine`, die nationale Küche, viel über eine Kultur. Je komplexer und raffinierter die Speisen und die Speiseabfolgen sind, desto komplexer ist die Lebenseinstellung. Essen ist Kultur in Ländern wie Frankreich, Spanien, Italien oder Japan. Es dient der Kommunikation und dem gemeinsamen Erleben und Geniessen. Zeit ist irrelevant, es dauert solange wie es dauert. Essen im Stehen, Gehen oder Fahren um Zeit zu sparen, ist gängige Praxis in den USA. Hier dient Essen der Energieaufnahme um den Aktivitätenpegel aufrecht zu halten. Folglich ist die Küche einfach, schnell in der Zubereitung und nahrhaft. Fast Food ist immer im Umkreis von hundert Metern erhältlich. Die Nahrungsaufnahme ist teil des individuellen Actionpotenzials. Wenn ich meine Freunde Minnesota besuche, werde ich auch nach einem zwölfstündigen Flug gleich zum Icefishing mit Sandwich-Picknick eingeladen. Aktivität (Action) ist Ausdruck des gemeinsamen Erlebens und der Verbundenheit. Für meine französischen Freunde ist das Zelebrieren eines Fischs mit einem gut gekühlten Chablis Grand Cru, als teil des Vier-Gang-Menüs, der Ausdruck gemeinsamer Freude und Verbundenheit. Mit jeder Speise werde ich noch zusätzlich in die Geheimnisse der Zubereitung eingeweiht. Das dauert dann schon mal 2 Stunden und mehr. Ich habe selten ein dîner in Frankreich erlebt, bei der nicht die Hälfte der Zeit die hitzige Diskussion der Zubereitung und den Wein galt. Die anderen fünfzig Prozent befassten sich dann mit französischer Politik ☺
    #michael

    @a hypothetical situation

    Stell Dir folgende Situation vor: Du fährst wie jeden Samstagmorgen mit deinem besten Freund Peter zum Tennis. Du lebst in einer wenig befahrenen Tempo 30 Spielstrasse. Peter holt dich immer um 10:30 ab. Heute ist er etwas spät dran, und beeilt sich die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Dir fällt auf, Peter fährt deutlich schneller als die vorgeschriebenen 30km/h. Beim genaueren Hinschauen erkennst du auf dem Tacho eine Geschwindigkeit über 50km/h. In diesem Augenblick fährt ein Junge mit seinem Fahrrad zwischen zwei geparkten Fahrzeugen genau vor euren Wagen. Dein Freund hat keine Chance auszuweichen und rammt den Jungen frontal. Der Junge hat schwere Verletzungen und wird mit dem Notarzt in die Unfallklinik gebracht. Die Polizei nimmt den Unfall auf und befragt dich, den einzigen Zeuge vor Ort, wie es zu dem Unfall gekommen ist und ob der Fahrer die vorgeschriebene Geschwindigkeit eingehalten hat. Wie reagierst du? Wirst du deinem besten Freund helfen, in dem du für ihn lügst, und Tempo 30 zu Protokoll gibst? Oder aber wirst du die Hilfe verweigern, weil du auf keinen Fall lügst und nicht Tempo 30 zu Protokoll gibst? Anders formuliert: Ist dir Freundschaft und Loyalität zu Peter wichtiger als seine Verantwortung vor dem Gesetz?
    Diese Frage hat thconsulting Menschen in achtzehn Länder gestellt. Die Antworten sind verblüffend (unterschiedlich). Über 90% aller Amerikaner sehen sich nicht in der Verpflichtung ihre Aussage zu Gunsten ihres Freundes zu verfälschen. Sie sind der Auffassung ihr Freund hat nicht das Recht von ihnen Hilfe durch eine Falschaussage zu erwarten. Im Vergleich: Unter den russischen Befragten liegt der Wert bei knapp über 40%*. Also 60% würden für ihren Freund lügen. Stelle ich die Frage in Seminaren, erhalte sehr differenzierte Reaktionen. Europäische Seminarteilnehmer stellen häufig Zusatzfragen, um den Kontext des Unfalls besser zu verstehen. Hat es beim Unfall geregnet? Hätte Peter mit 30km/h den Unfall verhindern können? Wie schwer ist der Junge verletzt? Menschen, die in kontextstärkeren Kulturen aufwachsen, brauchen zur Beurteilung und Entscheidung mehr Informationen zum Hintergrund. Bei russischen und asiatischen Seminarteilnehmern ist es weniger eine Frage des Kontexts, als vielmehr das persönliche Wertesystem. Der Freund steht unter dem Schutz der Freundschaft und erhält Loyalität selbst dann, wenn er mit dem Gesetz in Konflikt kommt**. Respekt vor der Freundschaft ist wichtiger als die Verantwortung gegenüber dem verletzten Jungen. Wir können achtsamer miteinander umgehen, wenn wir die kulturellen Unterschiede verstehen und richtig einordnen. Das ist keine Frage von gut oder böse, richtig oder falsch, sondern welches Wertesystem liegt in einer Gesellschaft zugrunde. Allerdings, bis heute stehen Wertesysteme im Wettbewerb zueinander. In der Geschichte reichten häufig kleine Unterschiedlichkeiten die zu Kriegen zu führten. Die Folgen sehen wir aktuell in dem Ukrainekonflikt. Im Kern diskutieren wir zurzeit in Deutschland genau diese Frage. Ist der Respekt gegenüber Russland und dessen Interessen gleich/höher/geringer zu bewerten, wie die Verantwortung, die Ukraine auf dem Weg nach Europa zu unterstützen? Die Antwort mag unterschiedlich ausfallen, aber die Fähigkeit sich in die andere Seite hineinzuversetzen, die Position des Andersdenkenden zu würdigen und vielleicht sich auch mit der anderen Position auszusöhnen, ohne sie zu übernehmen, nenne ich Culture Intelligence. Ich kenne keinen anderen Weg Konflikte gewaltfrei zu lösen.
    #michael
    *Schweden: 92%; UK: 91%; Deutschland: 87%; Frankreich: 73%; Japan: 68%; Italien: 57%; China: 47%; Korea: 37%; (Quelle: thconsulting,NL)
    **Im russischen gibt es den Begriff „SWOI“. Frei übersetzt, einer von uns oder der Unsrige. Aber das trifft es nicht wirklich. Es ist tiefer und ein Ausdruck für eine innere Haltung.

    @mindful communication

    Bewusste Kommunikation ist die Voraussetzung für Culture Intelligence. Wir können uns nur in die Lage eines anderen Menschen hineinversetzten wenn wir unseren Geist öffnen und achtsam Zuhören und achtsam Sprechen. In wirklichen, tiefen Kontakt kann ich mit anderen Menschen nur treten in dem ich achtsam zuhöre und Verständnis für die Probleme, die Position oder Überzeugungen gewinne. Das mögen nicht meine Überzeugungen sein, und meine Position kann sich grundlegend unterscheiden, aber in dem Augenblick des Kontakts verbinde ich mich mit dem anderen Menschen durch achtsames Zuhören, ohne zu werten, zu urteilen oder gar zu verurteilen. In dem ich ihn verstehe und annehme, respektiere ich ihn, nehme ihm seinen Druck, seinen Schmerz oder seine Angst. Das erfordert lebenslange Übung an mir selbst. Denn nur wenn ich mir selbst achtsam zuhöre, wenn ich mich mit mir selbst verbinde, bin ich auch in der Lage Anderen zu zuhören. Meditation ist der Zustand in dem ich meinen Geist öffne und mich mit mir selbst verbinde. Mir zuhören, meine Ängste und Freuden annehmen, ohne mich an ihnen festzuhalten. Das gelingt mir durch meinen Freund “HOBS“ – Hold-Breath-Smile (Innehalten-Atmen-Lächeln). Die Meditation des achtsamen Atmens. “Glück ist die Fähigkeit zu verstehen und zu lieben, denn ohne Verständnis und Liebe wäre Glück nicht möglich“ (Thich Nhat Hanh, buddhistischer Meditationslehrer). Daher ist liebevolles Sprechen eine ebenso wichtige Voraussetzung für bewusste Kommunikation. Wir können unsere Wahrheiten aussprechen und damit Menschen verletzten, verängstigen oder wütend machen. Häufig kommt dann der rechtfertigende Nachsatz: “Aber ich sage doch nur die Wahrheit!“ Dieser Art des Sprechens mangelt es grundsätzlich an Offenheit, Verständnis, Mitgefühl und Versöhnung. Worte bestimmen unsere, und als Resonanz, die Handlungen von Anderen. Sie bestimmen unsere, und die Verhaltensweisen von unserem Gegenüber. Daher ist es wichtig und notwendig, dass wir lernen, die (unsere) Wahrheit auf eine Weise zu sagen, dass sie am Ende von unserem Gegenüber akzeptiert werden kann und sogar das Vertrauen gestärkt wird. Dazu gehört eine friedvolle Sprache, ohne beleidigende, gewalttätige oder verurteilende Worte ebenso wie, die Vermeidung von Doppelzüngigkeiten, weder zu lügen noch Wahrheiten zu verdrehen, oder bewusst zu übertreiben. Achtsames Sprechen sorgt für Wohlbefinden, Unterstützung und Heilung. Mit achtsamem Zuhören und achtsamem Sprechen schaffen wir Respekt und Vertrauen über alle Kulturen hinweg.
    #michael – HOBS

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